Mit künstlicher Intelligenz zu neuen Therapieformen

Wie ein Dialog mit dem Kindes-Ich möglich wird

Du sitzt auf einem gemütlichen Stuhl, gegenüber von dir eine Person, dessen Job es ist, dir zu helfen – ein*e Psychotherapeut*in. Ein grosser Teil einer Psychotherapie ist es, dir verschiedenste Situationen vorzustellen und zu untersuchen, wie diese auf dich wirken. Wie würdest du mit dir selbst als Kind sprechen? Was würdest du dir selbst sagen? Wie würdest du – jetzt erwachsen – mit deinem jüngeren Selbst umgehen?

Seren Simonett konnte mit der VR-Brille mit sich selbst als Kind sprechen | Bild: Andrea Brawand

Wie kann ein solcher Schritt einfacher sein? Daran forscht die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und die Universität Zürich. Ihr Anhaltspunkt: Generative K.I. und eine Virtual-Reality-Brille. Wir begleiten Seren Simonett – eine Person, die bereits langjährige Erfahrungen mit verschiedenen Formen von Psychotherapien zu verzeichnen hat – und erfahren, wie eine solche Therapie aussehen kann und was sie bei Seren selbst bewirken konnte:

andy · Mit künstlicher Intelligenz zu neuen Therapieformen – Wie ein Dialog mit dem Kindes-Ich möglich wird

Weshalb eine Unterstützung durch generative K.I. in einer Psychotherapie überhaupt sinnvoll sein kann, erklärt uns Masterstudentin Roxy Laetitia Frund, welche selbst bei diesem Projekt mitforscht. Für einige Personen sei es schwierig, sich spezifische Situationen im Kopf vorzustellen – in extremen Fällen spreche man hier von Aphantasie. Unter anderem diesen Personen könne eine solche Therapieform helfen – die Hürde, sich eine spezifische Situation vorstellen zu müssen, falle mithilfe der VR-Brille weg.

Der Fokus in dem Projekt sei insbesondere das Selbstmitgefühl – der liebevolle und verständliche Umgang mit dir selbst als Kind. Dabei solle die VR-Brille und generative K.I. aber auf keinen Fall eine konventionelle Psychotherapie ersetzen, erklärt Roxy weiter. Viel mehr solle sie als Unterstützung dienen können, welche Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen in angemessenen Abständen und kontrollierter Absprache einsetzen würden.

Dadurch unterscheidet sich dieses Projekt auch von einigen anderen Versuchen, generative K.I. mit Psychotherapien zu verbinden. So nannte swissinfo.ch in einem Artikel einige Fälle, in welchen K.I.-generierte Videos von verstorbenen Personen genutzt wurden. Damit solle das Leid jener Personen gelindert werden, welche einen geliebten Menschen verloren haben.

Solche Projekte würden insbesondere ethische Herausforderungen darstellen, erklärt Roxy. Denn es gäbe dabei keine Möglichkeit für eine Einverständniserklärung. So funktioniert das Projekt der ZHdK und Universität Zürich aber nicht – sie arbeiten lediglich mit den Bildern der Patient*innen selbst.

Gegenüber von Seren sitzt eine Puppe. Eine Puppe, die zufälligerweise ähnliche Klamotten trägt, wie sie Seren als Kind besass. “Die Puppe trug sogar das gleiche Paar Sneaker wie ich als Kind”, so Seren als er sich an die Intervention zurückerinnert.

Einige Wochen vor dem Treffen mit Roxy und der Durchführung der Intervention musste Seren ein Bild von sich selbst als achtjähriges Kind schicken. Als Seren dann die VR-Brille anzog, sah er genau dieses Bild projiziert auf die Puppe. Mithilfe von generativer K.I. wurde das Kinderbild von Seren “zum Leben erweckt” und Seren konnte mit dem Kindes-Ich sprechen.

Auch hier erinnert sich Seren: Die Technologie sei besser als er erwartet hatte. Die Körpersprache, welche die Puppe in diesem Schritt aufzeigte, sei auch realitätsnah gewesen. Etwas zappelig und unruhig, mit den eigenen Fingern spielend, die Beine schwingend – als eine Person mit diagnostiziertem ADHS kennt Seren ein solches Verhalten.

Der letzte Schritt der Intervention beschreibt Seren erstmals als unangenehm, denn nun wechselt die Perspektive und er sieht sich selbst vor sich – im Hier und Jetzt. Je länger dieser Schritt aber andauerte, desto klarer wurde Seren ein wichtiger Fakt:

Eine Erkenntnis, die für Seren eine gute Menge bedeutet und relativ unerwartet kam – vor der Intervention habe er einen solchen Gedanken noch nie gehabt.

In einem zweiten Durchlauf der Intervention konnte Seren die Puppe auch berühren, was die Intensität nochmals verstärkte – “das fand ich recht freaky…”, so Seren.

Die Intensität einer solchen Intervention liesse sich allgemein auch immer anpassen, erklärt Roxy später im Interview. In welcher Umgebung befindet man sich, wenn man durch die VR-Brille schaut? Welche Gesichtsausdrücke generiert die künstliche Intelligenz? Sieht man nur das Gesicht des Kindes, oder auch den Körper? Wie gut ist die Qualität des K.I.-generierten Videos? All das liesse sich je nach Teilnehmer*in anpassen.

Momentan liege der Fokus noch immer in der Forschung, wie Roxy im Interview klarmacht. Echte Patient*innen gäbe es noch keine – die Intervention wird insbesondere immer wieder von Psycholog*innen und Psychiater*innen getestet in sogenannten Co-Design Sessions. Dabei geben sie Inputs, wie eine Intervention mit generativer K.I. in der Praxis am besten funktionieren könnte.

Etwas ist aber sicher: Es gelte auch immer abzuwägen, für wen eine solche Intervention geeignet ist, betont Roxy weiter. Wenn eine Person beispielsweise während einer solchen Therapie nicht mehr zwischen der Realität und dem K.I.-generierten Video unterscheiden kann, müsse sie natürlich abgebrochen werden, so Roxy.

Eine potenzielle Anwendungsweise sähe Roxy beispielsweise darin, dass eine Therapie mithilfe von generativer K.I. innerhalb einer herkömmlichen Psychotherapie zum Einsatz kommt. So könnte diese Intervention einfach einen Teil einer Therapiesession ausmachen, die 20 Minuten dauert.

In diesem Rahmen sieht auch Seren für sich persönlich am meisten Potenzial – für ihn habe es vorwiegend eine Momentaufnahme dargestellt, wie er jetzt gerade zu sich selbst steht.